YOGA BADEN | PATANJALI: yogas citta vrtti nirodhah

cittavrttinirodha (Sanskrit) wird wortwörtlich übersetzt mit "Geist-Bewegung-zur-Ruhe-kommen". Im Sutra 1.2 geht Patanjali kurz und prägnant darauf ein, wie wir durch unser Üben auf der Matte oder dem Meditationskissen wahrnehmen können, ob Yoga - nach einer Zeit des regelmässigen Praktizierens - für uns wirkt.

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Können wir in unserem Sein Raum schaffen, damit es für uns erfahrbar wird, daß wir nicht unsere Gedanken sind? Welche Bewegungen des Geistes gibt es überhaupt? Patanjali zählt in den nachfolgenden Sutras 5 Beispiele für Bewegungen des Geistes auf:

  • Einbildungen
  • Irrtümer
  • Erkenntnisse
  • Erinnerungen
  • Schlaf

Interessant ist, wahrzunehmen, das Patanjali qualitativ hier nicht klassifiziert: So haben zum Beispiel Irrtümer sowie als auch höchste philosophische Erkenntnisse den gleichen Stellenwert, sind (als diese Beispiele), BEIDE Bewegungen des Geistes.

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Wir werden auf eine Entdeckungsreise eingeladen: schaffen wir es, uns nicht mehr an Bewegungen unseres Geistes zu binden, uns damit zu identifizieren, davon in unserem Wesen bewegt zu werden? Egal, ob es sich um Ablenkungen, Süchte, Begierden oder heftige Gefühle handelt, die uns in Getriebenheit versetzen: schaffen wir es durch unser Üben uns von unserem Alltagsbewusstsein zu lösen und von der Oberfläche der menschlichen Identität tiefer zu tauchen? Können wir zur inneren Ruhe kommen?

Wenn wir uns von dem Drang zur Anhaftung befreien, können wir zum Sein kommen und unsere eigentliche Essenz oder Wesensidentität (svarupa) leichter wahrnehmen: Leben wird mit mehr Leichtigkeit und einem inneren Lächeln empfunden, da unsere Selbstidentifikation nicht an "Bewegungen des Geistes" gebunden ist. Wir fühlen uns mehr getragen, spüren das Leben durch uns fliessen, können ankommen und uns für die Magie des Momentes öffnen -  das Erleben von ursprünglicher Freiheit (kaivalya) wird möglich. Yoga wirkt, wenn die "Bewegungen des Geistes zur Ruhe kommen" und wir die Türe zur Erfahrung der inneren Einung (samadhi) bewusst öffnen.

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ÜBUNGSANREGUNGEN & WEITERFÜHRENDE FRAGEN | YOGAS CITTA VRTTI NIRODHAH
 

1.  ATEM- | WAHRNEHMUNGSÜBUNG (pranayama)

Suche Dir einen ruhigen, ungestörten Ort, Du kannst sitzen oder liegen, wichtig ist, daß Du entspannt UND aufmerksam sein kannst. Beginne Deine Aufmerksamkeit auf Deinen Atem zu legen und "lass Dich atmen" - greife nicht ein, verändere nichts an Deiner Atmung (ayama) - beobachte sie. Verfolge die durch Dich durchfliessende, anschwellende Welle der Einatmung bis zu Ihrem Höhepunkt - dort, wo sie in die Ausatmung von ganz alleine umschlägt. Spüre mit jeder Faser Deiner Gegenwart, wie der Atem Deinen Körper verlässt, gegenwärtig, bis die nächste Einatmung mühelos und wie von selbst wieder beginnt. Bleib in diesem Rhythmus für einige Atemzyklen und komme in den Moment und ins Wahrnehmen.
 

2. INNERE BINDUNGEN DES ALLTAGSBEWUSSTSEINS

Lege Dir einen Zeitraum fest (Einen Tag oder den Zyklus einer Woche - Du kannst es immer beliebig nach Deinen Bedürfnissen anpassen) während dessen Du ehrlich Dir selbst gegenüber Deine Bindung an die "Bewegungen Deines Geistes" beobachtest.

  • Worin liegen Deine Abhängigkeiten? (gesellschaftliche Bestätigung, Substanzen, bestimmtes Verhalten, Glaubenssätze, Beziehungsdynamiken o.Ä. )
  • Was lenkt Dich von Deiner Gegenwärtigkeit ab?
  • Wo kommen starke Gefühle auf, die Du kaum kontrollieren kannst und eigentlich auch garnicht willst, die Dich überraschen?
  • In welchen Situationen verlierst Du den Kontakt zu Deiner eigenen Mitte, Deiner inneren Ruhe?

Du brauchst hier nicht nach dem "Warum" zu grübeln oder Deine Beweggründe zu analysieren. Es geht um eine Bestandsaufnahme. Damit Du für Dein Üben eine "Checkliste" erstellen kannst, mit deren Hilfe Du erkennen kannst, ob Du in Deiner Yoga Praxis Fortschritte machst.
 

3. ZURUHEKOMMEN DER BINDUNGEN & ÖFFNUNG DER WESENSIDENTITÄT

Je ehrlicher wir mit unserer eigenen, inneren Reise umgehen (die Wegweiser erkennen), desto besser können wir aus unserer eigenen, inneren Mitte in unsere wahre Kraft und Macht gehen und uns weniger im Aussen verlieren (uns hilflos fühlen).

  • Es hilft auch, Dir zu vergegenwärtigen, wann Du es schon geschafft hast, vielleicht mühelos, vielleicht mit einem kleinen Schubser Deiner Seele oder inneren Führung, vielleicht unter grosser Konzentration, Bindungen an Gedanken (die Dir nicht hilfreich sind), Abhängigkeiten oder Süchten zu widerstehen oder Dich sogar von Ihnen zu befreien. Meditiere darüber! Schreibe ein paar Zeilen. Erkenne Deine eigene, innere Kraft.
  • Erinnere Dich an Situationen, wo Du mühelos fokussiert bleiben konntest, obwohl alles im Aussen Dich ablenken hätte können.
  • Mache eine Bestandsaufnahme der Momente in Deinem Leben, in denen Dir unrecht getan wurde und Du trotzdem ruhig und gelassen bleiben konntest.

Dieses Erinnern oder Zurückblicken hat die Funktion, Dich an Deine eigene innere Kraft anzubinden. Nimm es als ermunternde Unterstützung für Deinen weiteren Yogaweg!

 
Ring the bells that still can ring. Forget your perfect offering. There is a crack in everything. That’s how the light gets in.
— Leonard Cohen, Anthem
 
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